Gehalt verhandeln trotz Entgelttransparenzgesetz?

Es wird Jobsuchern beim Gehalt wahrlich nicht leicht gemacht in Deutschland. Einerseits redet niemand gern über Gehälter (das gilt für Arbeitnehmer genauso wie für Arbeitgeber), andererseits ist die Gehaltsangabe ein beständiges Auswahlkriterium. Manchmal schon in der allerersten Stufe der Bewerbung, manchmal hat man Zeit bis zum Vorstellungsgespräch. In fast allen Fällen ist der Bewerbende aber derjenige, der zuerst eine Zahl nennen und die Gehaltsverhandlung aktiv vorantreiben muss.

Gehaltsangaben in Stellenanzeigen sind in Deutschland unüblich

In Deutschland enthalten nur rund 12 % der Stellenanzeigen eine Gehaltsangabe. Damit ist Deutschland auf dem letzten Platz im europäischen Vergleich. Dazu kommen noch unterschiedliche Handhabungen je nach Lohnniveau und Berufsfeld. Wenn Gehälter angegeben werden, dann am ehesten im Ausbildungsbereich (Praktikums-, Trainee-, Berufsausbildungsstellen) und im Niedriglohnbereich. Wenn du als Akademiker einen normalen Job suchst, brauchst du fast nicht darauf zu hoffen, eine Gehaltsangabe in einer Stellenanzeige zu finden. Sei außerdem vorsichtig, falls du doch eine Gehaltsspanne unter einer Stellenanzeige findest, da diese oft von der Jobbörse automatisch generiert wurde und auf Statistiken basiert, aber meistens nicht vom Unternehmen selbst kommen. Wenn sie tatsächlich vom inserierenden Unternehmen stammt, ist sie in den Anzeigentext eingebettet und nicht separat unten drunter eingeblendet.

Was bringt die Erneuerung des Entgelttransparenzgesetzes

Je näher die Frist für die EU-Entgelttransparenzrichtlinie rückte, desto häufiger wurde ich in meinen Kursen gefragt: „Wenn Unternehmen Gehälter veröffentlichen müssen, brauche ich dann überhaupt noch dieses Gehaltsverhandlungswissen?“. Die Hoffnung, dass man sich nicht mehr mit dem leidigen Gehaltsthema auseinanderzusetzen braucht, muss ich leider enttäuschen. Auch mit der Verschärfung des Entgelttransparenzgesetzes 2026 bleiben Gehälter in einem gewissen Rahmen variabel und kleinere Unternehmen sind von manchen Vorgaben generell ausgenommen. D. h. wenn du dich in einem Unternehmen mit 90 Mitarbeitern bewirbst (was ja nun so selten nicht ist), wirst du auch weiterhin keine veröffentlichten Vergleichsberichte zur Verfügung haben.

Schauen wir uns die konkreten Themen an, die das Entgelttransparenzgesetz regelt:

  • Bestehende Gehälter innerhalb eines Unternehmens müssen analysiert und diese Analyse in Form eines Berichtes veröffentlicht werden.
  • Es müssen nachvollziehbare Kriterien für die Vergütung definiert werden.
  • In Stellenanzeigen muss eine Gehaltsspanne oder die unterste Gehaltshöhe angegeben werden.
  • Mitarbeiter müssen über die Entgeltentwicklung im Unternehmen informiert werden.

Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie sorgt nicht dafür, dass alle Kandidaten dasselbe Gehalt erhalten oder dass jedes Unternehmen gleiche oder gar höhere Gehälter zahlt. Sie sorgt aber dafür, dass mehr Informationen verfügbar sind. Wenn du das ausnutzt, kannst du bessere Entscheidungen treffen.

Gehaltstransparenz nutzen und Gehalt recherchieren

In meinen Seminaren erlebe ich häufig, dass Bewerber ihren Marktwert entweder deutlich unterschätzen oder überschätzen. Beides hat unschöne Konsequenzen. Im ersten Fall bist du Frustriert, sobald du mitbekommst, dass Kollegen mehr verdienen und deine Arbeitsmotivation leidet. Im zweiten Fall erhöhst du deine Absagequote. Ausreichend Zeit für eine genaue Recherche der möglichen Gehaltshöhe ist ein Muss.

Gehälter werden in vielfältiger Weise statistisch erfasst und deren Abhängigkeit von bestimmten Kriterien vielfach im Internet publiziert. Suche dir für verschiedene Kriterien Gehaltsstatistiken raus und wähle dann das für den jeweiligen Fall Zutreffende aus. Die Kriterien, die am meisten das Gehalt beeinflussen sind:

  • Unternehmensgröße
  • Branche des Unternehmens
  • Zukünftiger Berufsbereich
  • Regionale Lage des Unternehmens

Das Gehalt wird immer von unternehmens- und stellenbezogenen, aber auch individuellen Aspekten beeinflusst, wie spezifisches Wissen oder Arbeitserfahrung. Daher gibt es keine fest vorgeplante Zahl für eine bestimmte Stelle, sondern eine Spanne in der ein neuer Mitarbeiter eingeordnet wird. Wo dein Gehalt konkret in dieser Spanne sein wird, kannst du beeinflussen.

Gehaltsverhandlung aktiv beeinflussen

Die Spanne in die ein Mitarbeiter für eine Stelle eingeordnet werden kann, kann leicht 10.000 € erreichen, in hochqualifizierten Bereichen auch 20.000 €. Es lohnt sich also aktiv an der Gehaltsfindung teilzunehmen. Die Frage in deinem Kopf darf nicht lauten „Was zahlt das Unternehmen?“, sondern „Warum sollte das Unternehmen mir einen Platz im oberen Bereich der Spanne anbieten?“. Genau hier scheitern viele Bewerber. Sie kennen die Gehaltsspanne, können aber ihren eigenen Wert innerhalb dieser Spanne nicht überzeugend begründen.

Wenn du also zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wirst, dann musst du deine Argumentation vorbereiten. Dafür musst du vor dem Termin:

  1. Stellenanzeige nach Erfahrungen und Kompetenzen analysieren.
  2. White-List anlegen: Welche davon bringe ich mit?
  3. Black-List machen: Welche davon bringe ich nicht mit?
  4. Sonstige individuelle Vorteile definieren.

Bereite Verteidigungsargumente vor, die auf deinem Mehrwert basieren und begründe eine Gehaltsvorstellung mit Fakten statt mit persönlichen Bedürfnissen („Die Mietkosten sind hier so hoch.“) oder Softskills („Ich bin jemand, der schnell lernen kann.“). Unternehmen bezahlen dich für einen Gegenwert, nicht für deine Wünsche oder Versprechungen.

Mach dich selbst zum Gehaltsexperten

Mehr Gehaltstransparenz ist ein begrüßenswerter Fortschritt. Es ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, den eigenen Marktwert zu kommunizieren. Wer das beherrscht, wird auch zukünftig bessere Ergebnisse erzielen. Weder die anfängliche Frage nach der Gehaltsvorstellung wird verschwinden, noch dass es einen Verhandlungsspielraum gibt, den es auszunutzen gilt. Der entscheidende Faktor bleibt weiterhin deine Fähigkeit, deinen Wert für ein Unternehmen zu erkennen und überzeugend darzustellen. Das erneuerte Entgelttransparenzgesetz erweitert die verfügbaren Gehaltsdaten. Nutze das und:

  • Mache regelmäßig eine Marktrecherche, um Unterschiede zwischen den Unternehmen zu bemerken.
  • Vergleiche Gehälter mit Anforderungen und Verantwortlichkeiten, um deinen Profilwert besser zu verstehen.
  • Lerne zusätzliche Kriterien kennen, die für Unternehmen ein Argument sein können, um deinen Marktwert besser zu beschreiben.
  • Behalte die Entwicklung innerhalb deines Unternehmens im Auge, um dein Gehalt im Laufe der Zeit weiter anzupassen.

Wenn du unsicher bist, welches Gehalt für deine nächste Bewerbung realistisch ist, melde dich bei mir. Mein Modul „Gehalt“ ist das absolute Lieblingsthema meiner Jobsucher:innen und vielleicht wird es das auch für dich. Im Rahmen des Phd-Karriereprogramms „Einstieg in der Industrie“ lernst du eine Methode, wie du das Gehalt für jede Bewerbung korrekt bestimmst. Natürlich zeige ich dir das auch ohne Promotionshintergrund gerne in meinen individuellen Beratungsstunden. Mit meinem Selbstlernkurs „Gehalt erfolgreich verhandeln“ bereitest du dich außerdem auf die nächste Gehaltsverhandlung vor und erfährst von mir, wie du auch bei einer Gehaltsreduktion noch was rausholen kannst.