Ist ein Traineeprogramm ein guter Berufseinstieg in die Industrie?

Hast du dich auch schon mal gefragt, ob ein Traineeprogramm eher eine Dauerpraktikum mit schlechter Bezahlung oder eine Art Elite-Ausbildung mit echtem Karriere-Mehrwert ist? Wenn ja, erfährst du in diesem Artikel mehr zu den Vor- und Nachteilen und erhälst auch Tipps für deine Bewerbung auf ein Traineeprogramm.

Chancen und Risiken von Traineeprogrammen

Im Gegensatz zu festen Einstiegsstellen, beinhalten Traineeprogramme eine Rotation durch das Unternehmen. Du wirst also in verschiedenen Abteilungen mal länger, mal kürzer mitarbeiten. Darin liegen auch die Chancen:

  • Du lernst die Aufgaben verschiedener Abteilungen kennen und entdeckst neue Arbeitsrollen.
  • Du baust dadurch schnell ein großes internes Netzwerk auf.
  • Du bekommst häufig zusätzliche Weiterbildungen und Mentoring.
  • Du ergänzt dein Fachprofil um weitere Wissensfelder und unternehmerisches Verständnis.

Wie du siehst, kannst du eine Menge aus einem Traineeprogramm herausziehen: nicht nur fachübergreifendes Wissen, sondern auch Verständnis was für Arbeitsfelder dir zukünftig zur Verfügung stehen.

Aber natürlich gibt es auch Risiken:

  • Manche behandeln Trainees wie Assistenten, die nur die Zuarbeiten machen.
  • Wenn die Übernahme nach dem Programm nicht klappt, steht wieder eine Bewerbungsphase an.
  • Das Gehalt ist oft geringer als bei einer für dich passenden Fachexpertenstelle im gleichen Unternehmen.

Beides ist jedoch ganz stark vom einzelnen Unternehmen abhängig. Daher ist es wichtig, dass du mit Google Reviews recherchierst und dir Erfahrungsberichte auf Kununu durchliest.
Suche gezielt nach Bewertungen und Kommentaren von ehemaligen Trainees. Schau auf der Unternehmenswebseite nach, ob es Statements früherer Programmteilnehmer gibt und welche Karrierewege diese genommen haben (ggf. mit Hilfe von LinkedIn). Als Faustregel gilt auch: Je größer ein Unternehmen ist, desto umfangreicher und etablierter ist das Traineeprogramm.

Ein gutes Traineeprogramm ist aus meiner Sicht ein Kompetenzbooster, da du weit über eine einzelne Position hinausschaust. Die Befristung eines Traineeprogrammes wäre für mich per se kein Ausschlusskriterium, da statistisch gesehen ohnehin 41 % der Neuanstellungen von Akademikern befristet sind. Das kann dir also auch bei Fachstellen passieren. Aber diesen Haken solltest du basierend auf deinem persönlichen Sicherheitsbedürfnis abwägen. Das A und O ist für mich die Qualität des Ausbildungskonzeptes und die gilt es vor und während der Bewerbung zu prüfen.

Ist ein Traineeprogramm ein sinnvoller Industrieeinstieg nach der Promotion?

Eine Promotion macht dich zum Experten in deinem Fachgebiet. Was dir häufig fehlt, ist das Wissen, wie Industrieunternehmen funktionieren, wie Entscheidungen getroffen werden, wie verschiedene Unternehmensbereiche zusammenarbeiten und wie Arbeitsprozesse in einzelne Rollen gebündelt werden.

Aus meiner Sicht sind die letzten beiden Punkte der besondere Bonus im Vergleich zu einer Fachstelle als Direkteinstieg: du lernst, wie ein Unternehmen „tickt“ und das im Turbo-Modus, denn du wirst innerhalb von zwei Jahren meistens drei bis vier Abteilungen kennenlernen. Ergänzt wird das Ganze meistens um Projektsteuerungserfahrung, Stakeholder-Management und ökonomischem Bewusstsein. Das sind alles Kompetenzen, die in der Wissenschaft kaum vermittelt werden, aber auf Grund deiner hohen Qualifizierung und der für dich geeigneten Rollen fast immer notwendig sind. Als promovierter Arbeitnehmer, bist du zu hochausbildet, um weiterhin selbst im Labor zu stehen und wirst naturgemäß an entscheidenderen Stellen im Unternehmen eingesetzt.

Es gibt Traineeprogramme, die ausdrücklich Promovierte ansprechen. Sie sind oft darauf ausgelegt, genau diese Lücke zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und industrieller Praxis zu schließen. Gleichzeitig bereiten Traineeprogramme, die für Promovierte konzipiert sind, oft auf Führungsaufgaben vor und bieten dir eine Begleitung in die nächste Stufe einer Führungskarriere.

Wenn du über ein Traineeprogramm nachdenkst, schau dir deshalb nicht nur die geplanten Einsatzfelder an, sondern prüfe auch, ob das Programm wirklich auf die Bedürfnisse von Promovierenden zugeschnitten ist. Wenn dies der Fall ist, dann kannst du auch ziemlich sicher sein, dass du nicht ausversehen doch in ein verkleidetes Langzeitpraktikum stolperst.

Eine Traineeprogramm explizit für Promovierende gibt es zum Beispiel bei Sanofi. Oder suche einfach mit den Suchbegriffen „Traineeprogramm Promotion“ nach weiteren Angeboten im Internet.

Unterschiedliche Bewerber- und Unternehmensziele im Bewerbungsprozess

Wenn es um eine Traineestelle geht, sind die Kriterien, die für die Entscheidung eine Rolle spielen sowohl für Bewerber:innen als auch für Personalentscheider anders gelagert als bei einer Bewerbung auf eine Fachstelle.

Beginnen wir mit der Unternehmensseite: Bei der Suche nach einer/m Mitarbeiter für eine bestimmte Abteilung, sucht man nach den perfekt passenden Fachkenntnissen. Bei einem Trainee hingegen suchen wir nach Potenzialen. Da bei einem Traineeprogramm die Endposition in der Regel nicht feststeht und meistens erste Führungsrollen anvisiert werden, ist eine gewissen Fachexpertise passend zum Programmthema zwar eine Voraussetzung, aber fachübergreifendes Verständnis sowie geistige und persönliche Entwicklungsfähigkeit spielen ebenfalls eine sehr große Rolle.

Auf der Bewerberseite hingegen sollte der Umgang mit den Nachteilen und Unsicherheiten, die ein Traineeprogramm mit sich bringt, im Auswahlprozess im Fokus stehen. Dein Ziel sollte es sein während der Bewerbung folgende Dinge zu abzuklopfen:

  • Welche Arbeitsstationen wird das Programm umfassen?
  • Wie viel Verantwortung übernehmen Trainees im Arbeitsalltag?
  • Welche zusätzlichen Weiterbildungen und Kurse sind beinhaltet?
  • In welchen Rollen und Abteilungen arbeiten ehemalige Trainees heute?
  • Wie hoch war die durchschnittliche Übernahmequote nach Programmende?

Natürlich solltest du auch klassische Bewerbungsfragen stellen, wie Gehaltshöhe und Anzahl der Urlaubstage. Diese Fragen sind berechtigt, aber sie helfen dir kaum bei der Entscheidung, ob das Programm wirklich gut ist. Stelle sie daher erst am Ende, wenn die Entscheidung über die Sinnhaftigkeit des Programms für dich schon feststeht. In der Regel sind Arbeitsbedingungen für Trainees ohnehin für alle gleich festgelegt und es gibt kaum Verhandlungsspielraum.

Informiere dich strategisch über das Traineeprogramm selbst. Damit hinterlässt du auch einen viel besseren Eindruck, als wenn man denkt, dir geht es nur ums Geld und ein bequemes Arbeitsleben. Gute Traineeprogramme sind für Unternehmen eine Investition, daher solltest du auch den Eindruck erwecken, dass du das einschätzen und wertschätzen kannst.

Der Bewerbungsprozess ist bei Traineeprogrammen anders

Der veränderte Informationsbedarf des Unternehmens verändert automatisch auch den Bewerbungsprozess. Bei klassischen Fachstellen vergleiche ich als Recruiter in der Bewerbung die praktischen Tätigkeiten und Wissensgebiete mit denen der ausgeschriebenen Rolle. Wenn das übereinstimmt, muss ich im Vorstellungsgespräch nur noch prüfen, ob die Chemie stimmt. Das ist natürlich etwas vereinfacht ausgedrückt.

Wenn ich eine oder einen Trainee auswählen möchte, dann werden Fachthemen des bisherigen Berufslebens natürlich auch geprüft, aber ich suche auch nach Nachweisen für geistige Fähigkeiten und die Bereitschaft für Persönlichkeitsentwicklung. Indizien für diese Dinge sind unter anderem:

  • Herausragende Noten
  • Auszeichnungen und Preise
  • Frühes Interesse an beruflichen Erfahrungen (Schul-, Zusatzpraktika)
  • Auslandsaufenthalte
  • Fremdsprachen
  • Ehrenamtliches Engagement

Eine Besonderheit von Traineeprogrammen ist, dass es kein persönliches Vorstellungsgespräch gibt, nach dem man schon eine Zu- oder Absage bekommt, sondern einen mehrstufigen Auswahlprozess, der bei großen Unternehmen meistens so aussieht:

  1. Online-Bewerbung
  2. Online-Tests oder Case Studies
  3. Assessment Center
  4. Erst danach das persönliche Interview

Insbesondere das „Assessment Center“ kann böse Überraschungen bereithalten. Viele Bewerber:innen bereiten sich wie auf ein klassisches Vorstellungsgespräch vor, aber ein Auswahlprozess in einem Assessmentcenter enthält vielseitigere Elemente, wie

  • Interaktionsübungen mit anderen Bewerbern oder Unternehmensvertretern
  • Arbeitsaufgaben unter Zeitdruck
  • Live-Präsentationen
  • Individuelle Vorstellungsgespräche

Mit strategischer Vorbereitung und Übung setzt du dich durch

Als Recruiter habe ich immer wieder erlebt, dass gute Bewerber nicht an ihrem Fachwissen scheitern, sondern auf diesen Auswahlprozess nicht vorbereitet sind. Wer den Auswahlprozess versteht und die richtigen Fragen stellt, erhöht nicht nur seine Erfolgschancen, sondern trifft am Ende auch die bessere Karriereentscheidung. Schließlich willst auch du die Spreu vom Weizen trennen und ggf. ein Traineeprogramm wählen, dass dich wirklich weiter bringt.

Für die Vorbereitung auf solche kniffligen Auswahlsituationen werfe ich gerne einen kritischen Blick auf deine Bewerbungsunterlagen und übe mit dir individuell deine persönliche und fachliche Präsentation. Nutze mein individuelles Bewerbungscoaching dafür.