Glück oder Vorbestimmung:
Kannst du vorher wissen, ob du eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekommen wirst?
Viele Promovierende und akademische Bewerber starten in die Jobsuche mit dem Gefühl, dem Zufall und den Unternehmen ausgeliefert zu sein. In Seminaren höre ich am Ende häufig Sätze wie: „Ich wusste gar nicht, dass ich so viele Dinge vorher schon abprüfen kann.“ Diese Erkenntnis überrascht viele, dabei ist sie ganz logisch.
Auswahlprozesse folgen Regeln, nicht dem Zufall
Unternehmen treffen Einstellungsentscheidungen nicht spontan oder aus dem Bauch heraus. Das wäre nicht wirtschaftlich, denn jede Einstellung verursacht davor und danach einen hohen Zeitaufwand und somit Kosten. Die Auswahlkriterien stehen von Anfang an fest und unterliegen auch noch diversen Rahmenbedingungen. Einerseits möchte das Recruiting so wenig wie möglich Zeit in eine Bewerbung investieren müssen, um zu entscheiden, ob die Fachabteilung die Bewerbung sehen sollte. Andererseits sollten keine Bewerber ausgelassen werden, die interessant sein könnten, das heißt die Arbeitszeit der Fachabteilung muss geschützt werden. Für die Fachabteilung ist wichtig, dass sie eine Person findet, die möglichst wenig Einarbeitungsaufwand verursacht, aber gleichzeitig nicht zu lange mit der Suche zu verbringen, um das Team schnell zu entlasten.
Wenn du dir das bewusst machst, verändert sich deine Rolle in der Bewerbung grundlegend. Du bewirbst dich nicht mehr „ins Blaue“, sondern beginnst, strategisch mitzudenken.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Der Unterschied zwischen blindem Bewerben und planvollem Vorgehen liegt in der Änderung der Sichtweise. Statt dich zu fragen: „Ist diese Stelle interessant für mich?“ Fragst du zusätzlich: „Was wäre für mich wirklich wichtig, wenn ich diese Position besetzen müsste?“
Du kannst natürlich nicht zu 100 Prozent vorhersagen, ob du eine Einladung zum Interview erhältst. Aber du kannst sehr wohl einschätzen, ob deine Bewerbung eine hohe oder eher geringe Wahrscheinlichkeit dafür hat. Und das gibt dir bereits eine große Orientierung.
Bewerbung als Selbstmarketing
Wenn du zu dem Schluss kommst, dass du die wichtigsten Anforderungen erfüllst, dann gilt es nun, diese auch darzustellen und zu „verkaufen“. Zwischen einer Bewerbung und klassischem Marketing gibt es deutliche Parallelen. Nicht umsonst spricht man vom „Selbstmarketing“.
Ein Unternehmen würde niemals einfach seine Produkte und deren Eigenschaften auf eine Werbefläche schreiben und dann hoffen, dass sich irgendjemand dafür interessiert. Stattdessen stellt sich ein Unternehmen immer folgende Fragen:
- Für welche Zielgruppe ist das Produkt gedacht?
- Welche Bedürfnisse hat diese Zielgruppe?
- Welche spezifischen Probleme haben diese Menschen?
- Wie löst mein Produkt diese Probleme?
Erst danach entstehen Werbebotschaften und genau so funktioniert eine gute Bewerbung. Wenn du lediglich deinen Lebenslauf chronologisch „herunterschreibst“ und versendest nach dem Motto „Vielleicht interessiert sich jemand für etwas davon“, überlässt du die Denkarbeit komplett dem Unternehmen. Strategisches Bewerben bedeutet dagegen:
- Das Anforderungsprofil analysieren
- Die Kernprobleme der Position identifizieren
- Deine Erfahrungen gezielt darauf beziehen
- Relevanz für den Leser ausformulieren
Der Vorteil von Promovierenden
Gerade Promovierende haben für diesen Perspektivwechsel eine gute Grundlage. Du hast wahrscheinlich bereits selbst Hilfskräfte eingearbeitet, Bachelor- oder Masterstudierende bei der Arbeit überwacht, vielleicht sogar bei der Auswahl neuer Mitarbeitender mitgewirkt und schließlich erlebt, wie unterschiedlich Menschen in neue Aufgaben starten. Du kennst also die Unterschiede zwischen jemandem, der schnell arbeitsfähig ist, und jemandem, der lange Orientierung braucht. Diese Erfahrungen kannst du bewusst nutzen. Stell dir vor, du wärst die Person, die deine Bewerbung liest:
Welche Risiken würden sie sehen?
Wo würden sie Entlastung erwarten?
Welche Argumente würden sie überzeugen?
Bewerben ist kein Glücksspiel, sondern ein Prozess mit Wahrscheinlichkeiten. Je besser du verstehst, wie Unternehmen entscheiden, desto besser kannst du Stellenanzeigen aussortieren und deine Unterlagen anpassen. In meinem Karriereprogramm für Wissenschaftler lege ich großen Wert darauf, diesen Ansichtswechsel bewusst zu machen und mit Workshops den switch in die Perspektive der Recruiter zu üben. Verändere am besten schon ab heute deine Rolle vom Bewerber zum Mitdenker im Auswahlprozess.
Viel Erfolg beim Bewerben!
HeidiSpeichern


